Der aktuelle Amtswechsel an der Spitze der chilenischen Auslandsvertretung in Deutschland bietet die Chance, eine der wichtigsten wirtschaftlichen Partnerschaften Chiles in Europa auf eine neue Grundlage zu stellen. Auf Magdalena Atria, die das Land während der Amtszeit von Präsident Boric vertrat, folgt nun Roberto Ruiz als neuer Botschafter unter der Regierung von Präsident Kast.
Die bisherige diplomatische Arbeit war stark von einer Agenda geprägt, deren Schwerpunkte auf der Energiewende, der Förderung einer feministischen Außenpolitik sowie auf Geschlechtergerechtigkeit und Menschenrechten lagen. Obwohl diese Themen unbestreitbar ihre Berechtigung hatten, gerieten dabei strategisch bedeutsame Aspekte der bilateralen Wirtschaftsbeziehungen in den Hintergrund und blieben angesichts der aktuellen globalen Lage hinter ihren Möglichkeiten zurück.
Vor diesem Hintergrund fällt dem neuen Botschafter Roberto Ruiz nun die Aufgabe zu, die bilateralen Beziehungen im Sinne einer proaktiven Wirtschaftsdiplomatie neu auszurichten. Ziel muss es sein, gezielt Investitionen anzuziehen, den Technologietransfer anzukurbeln und strategische Schlüsselprojekte fest zu verankern.
Um dies zu erreichen, sollte das diplomatische Handeln künftig in mindestens fünf zentralen Bereichen besondere Priorität genießen.
Erstens: Den Bürokratieabbau und die Beschleunigung von Genehmigungsverfahren („Permisología“) aktiv vermitteln.
Einer der Hauptkritikpunkte europäischer Investoren war bislang die extreme Schwerfälligkeit bei der Abwicklung von Investitionsprojekten. In dieser Hinsicht muss der neue Botschafter eine proaktive Rolle einnehmen und die Fortschritte des neuen Gesetzes über sektorale Genehmigungsverfahren (Ley de Permisos Sectoriales) aufzeigen. Gleiches gilt für die geplante Einführung eines digitalen „One-Stop-Shops“ (ventanilla única), der künftig Hunderte von behördlichen Zulassungsverfahren bündeln und verschlanken soll.
Zweitens: Rechtssicherheit für ausländische Investoren stärken.
Für deutsche Investoren im Bereich der Zukunftsindustrien wie Wasserstoff und Bergbau ist ein berechenbarer institutioneller Rahmen unabdingbar. Nur durch eine verlässliche Rechtssicherheit lässt sich das Vertrauen internationaler Anleger zurückgewinnen. Eindeutige Rahmenbedingungen von Beginn an sind die Voraussetzung für eine langfristige Finanzplanung. Ohne sie ist die Umsetzung von Großprojekten schlichtweg unmöglich.
Drittens: Die Blockade des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen Chile und Deutschland auflösen.
Das Fehlen dieses Abkommens bleibt weiterhin eines der zentralen Hindernisse für deutsche Investitionen im Land. Gegenwärtig kann die effektive Steuerbelastung für deutsches Kapital ein Niveau erreichen, das deutlich über dem OECD-Durchschnitt liegt. Dies beeinträchtigt die Wettbewerbsfähigkeit Chiles gegenüber anderen Standorten mit bereits bestehenden und gültigen Abkommen erheblich.
Viertens: Auf die Unterstützung lokaler Akteure setzen.
Wirtschaftsdiplomatie sollte nicht isoliert erfolgen; eine enge Abstimmung mit dem Privatsektor ist dabei von zentraler Bedeutung. In diesem Zusammenhang bleibt die Deutsch-Chilenische Industrie- und Handelskammer (AHK Chile) ein wesentlicher Akteur, um Markteintrittsrisiken zu reduzieren, belastbare Informationen bereitzustellen sowie deutsche Unternehmen mit konkreten Geschäftsmöglichkeiten im chilenischen Markt zu vernetzen.
Die Herausforderung für den neuen chilenischen Botschafter in Deutschland ist klar: der Übergang von einer deklarativen Diplomatie hin zu einer aktiven Wirtschaftsdiplomatie, die es ermöglicht, diese historische Beziehung in eine konkrete Plattform für Investitionen, technologische Entwicklung und Zusammenarbeit zwischen beiden Ländern zu verwandeln.
Fernando Acuña
Abogado
Director Acuña-Silva Rechtsanwälte.